Bude zwischen Dogma und Diktum

Die Bude gehört zur Vorstellung über das Ruhrgebiet, wie Kohle & Stahl, Currywurst & Pommes oder auch wie die 40 zum A. Das ist einfach so. Darüber lässt sich auch mit einem echten Ruhrgebietler nicht diskutieren. 

Die Bude meines Vertrauens steht hier in der Siedlung schon seit Anbeginn der Zeit. Als Kind ging ich dort die ersten Handelsbeziehungen ein: „Einmal die Mickey Mouse (später: die Bravo), eine Tüte Chips und eine gemischte Tüte für 2 Mark mit allem, auch mit Schlümpfen und Lakritz.“

Im Laufe der Zeit änderten sich meine Warenwünsche. Und auch die Besitzer wechselten. Mittlerweile ist es schon der vierte Besitzer in knapp 30 Jahren! Das ist m.E. für ’ne echte Bude ’ne recht schnelle Fluktuation. Aber noch mehr hat sich geändert. Überall! Viele Buden ergänzen das normale Budensortiment durch Gastronomie. Schick sehen sie dann aus. Sogar einen Latte bekommt man. Buden als echte Treffpunkte findet man auch seltener. Kurzum: dat echte Büdchen anne Ecke gibbet nur noch vereinzelt im Ruhrgebiet. Nur noch ein paar Oasen inmitten der Latte-to-go-buy-2-for-1-get-all-you-want-drink-now-pay-later Landschaft. Tja, und die letzten Oasen kämpfen ums Überleben. Früher konnte Oppa noch schnell den Flachmann anschreiben lassen. Und auch für Omma gabs mal eben ne Tüte Zucker umsonst, wenn ihr häuslicher Vorrat für den Kuchenteig nicht mehr reichte. Wo wäre so etwas heute noch denkbar?

Die Bude, der Kiosk, die Trinkhalle ist vielerorts nur noch ein Miniformat der großen Konsumarenen, die jede Stadt unumstößlich als ihr ultimatives Freizeit-Erlebnis anpreist. Man protzt. Meine Enkel erinnern sich an das Ruhrgebiet vielleicht nur noch als eine Landschaft vollgestellt mit Shopping-Malls oder eben 1€-Läden. Wenn ich wollte, könnte ich den ganzen Tag in so ’nem Forum verbringen. Ich kann dort frühstücken, dann ein bisschen shoppen, dann ess ich zu Mittag eine Kleinigkeit, gehe dann zum Frisör und lasse mir einen frechen Pony schneiden, lasse mir die Nägel kess bekleben, trinke dann am Nachmittag einen Latte und verweile dann erstmal in einem komfortablen Massagesessel, bevor ich dann schließlich die letzte Runde drehe – bevor dann das Programm des Late-Night-Shoppings startet: Cocktails für nur 3€, ein paar Häppchen und eine Akrobatin mit Hula-Hoop-Reifen versüßen mir den bitteren Nachgeschmack, weil ich mein Einkaufsbudget dann leider doch um 200€ überzogen habe.

Brot und Spiele in diesen großen Buden, die dafür sorgen, dass wir in jeder Stadt die gleichen Berieselungsmöglichkeiten finden. Ja, dat Büdchen anne Ecke, dat war klasse wennze schnell wat brauchst, aber denn bisse doch  ersma länger dort geblieben. Et gab imma wat zum bequatschen! So war dat!
Nun sollten wir aber nicht glauben, dass dort fundierte Erkenntnisse der Quantenmechanik bequatscht wurden. Aber es war gewiss der Treffpunkt für eine ganze Nachbarschaft, einen kleinen Stadtteil oder einen ganzen Ort.

Solche Treffpunkte haben nun andere Räume gefunden. Dass Menschen sich treffen, sich austauschen und eventuell auch was erreichen wollen ist ihrem Wesen immanent. (Fakt?) Motivation, Ideenreichtum und letztendlich der Fokus des Handelns unterscheiden sich dabei. So ist das mit Gesellschaft, die ist genauso bunt wie die gemischte Tüte Weingummi vonner Bude.
Doch manchmal ist der Inhalt grau und nichts weiter als ein großer Einheitsbrei und manchmal bekommt auch nicht ein einziges Weingummi, auf das man gehofft hatte. Manche glauben, die Welt wird von einem elitären Club gelenkt. Und vielleicht haben sich genau die, die besten Stücke selber gemopst.

Aber Gott sein Dank sind die Gedanken frei. (Das ist so!) Man muss sich nur trauen, sie zu denken. Man muss sich trauen, bestimmte Gedanken weiterzudenken. Dann formt sich aus ihnen langsam eine Idee. Und richtig toll ist es, wenn man diese Idee real werden lassen kann. Wenn man vielleicht erstmal in kleinen geschützten Räumen, sich ausprobieren kann. Denn, falls die Umsetzung misslingt oder einem nicht gefällt, dann ist man nicht dem Druck der großen Konsumbudenwelt ausgesetzt. Und noch schöner: wenn man durch das Ausprobieren mehr über sich kennenlernt, sich weiterentwickelt und andere begeistern kann.

Deshalb mache ich mit beim Campusradio, einer Klangbude, einem Ort des Ausprobierens, einem Übungsfeld mit einer angeschlossenen Ideen-Fundgrube: der Uni. Offen im Denken schreibt sie sich jetzt auf die Fahnen und die Broschüren.  Offen für Ideen wäre ein Schritt weiter.
____________________
Die Autorin ist sich bewusst, dass ihr Ideen-Begriff bestimmt etwas zu kurz greift und simplifiziert. Fragen, wie: ‚Ist Idee nur ein Oberbegriff für Gedanke oder Einfall?‘, werden einfach mal beiseite gelassen. Denken ist für die Autorin eine Vorstufe zur Idee. Ich denke was, und dann denk ich mehr, und dann habe ich eine Idee. Idee ist geformt und greift zurück auf Dinge, die ich erlebt, erfahren oder gedacht habe. Sie ist eine Art konkretisierter Einfall. *Stammtischphilosophie aus*

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s